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Minimalistische Gesichtspflege
Was passiert, wenn wir unsere Haut einfach in Ruhe lassen?
Do it yourself
Im Badezimmer stehen Reinigungsschaum, Gesichtswasser, Essenz, Serum, Tagescreme, Nachtcreme, Augencreme, Lippenpflege und vielleicht noch die eine oder andere Maske, Gesichtsöl, Sonnencreme oder Peeling. Für trockene Tage gibt es Produkt A, für unreine Haut Produkt B und für den besonderen „Glow“ Produkt C.
Aber braucht unsere Haut das alles wirklich?
Was wäre, wenn gute Hautpflege viel einfacher sein könnte?
Vielleicht sogar so einfach, dass wir einen großen Teil unseres Badezimmerschranks gar nicht mehr brauchen?!
(Lies hier in dieser Lösung mehr dazu, wie du deine Haarpflege-Routine minimalistischer gestalten kannst.)
Denn unsere Haut ist kein lebloses Material, das wir täglich reinigen, korrigieren und mit möglichst vielen Wirkstoffen versorgen müssen.
Sie ist ein lebendiges Organ. Sie erneuert sich, produziert eigene Fette, reguliert ihren Feuchtigkeitshaushalt und beherbergt eine ganze Welt von mikroskopisch kleinen Lebewesen (mehr dazu später!).
Es lohnt sich also, Hautpflege einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten:
Nicht: "Was kann ich noch auf meine Haut geben?"
Sondern:
Was braucht meine Haut wirklich und was kann ich vielleicht einfach weglassen?
Genau darum geht es bei minimalistischer Hautpflege. Wir wollen unsere Haut nicht vernachlässigen, sondern ihr wieder etwas mehr zutrauen.
Deine Haut ist ein lebendiges Ökosystem
Wenn du an saubere Haut denkst, welches Bild hast du im Kopf? Frisch gewaschen, porentief rein, frei von Schmutz, Fett und Bakterien?
Doch aus biologischer Sicht wäre eine völlig keimfreie Haut keineswegs ideal.
Auf unserer Haut leben unzählige Mikroorganismen. Vor allem Bakterien und Pilze, aber auch Viren und andere winzige Mitbewohner besiedeln ihre Oberfläche. Gemeinsam bilden sie das sogenannte Hautmikrobiom.
Wir Menschen leben seit jeher in Gemeinschaft mit Mikroorganismen. Sie gehören zu unserem Körper, im Darm ebenso wie auf der Haut.
Vielleicht sollten wir uns unsere Haut deshalb weniger wie eine frisch geputzte Küchenarbeitsplatte vorstellen und mehr wie einen kleinen Wald.
In einem gesunden Wald leben schließlich auch nicht nur Bäume. Dort wachsen Moose und Pilze, Insekten krabbeln durch die Erde, Mikroorganismen zersetzen Pflanzenreste und unzählige Lebewesen beeinflussen sich gegenseitig.
Niemand käme auf die Idee, einen Wald täglich zu desinfizieren.
Seine Lebendigkeit entsteht gerade durch das komplexe Zusammenspiel.
Ähnlich ist es auf unserer Haut. Auch dort existiert eine vielfältige Lebensgemeinschaft, die mit unserer Hautbarriere, unserem Immunsystem und den Bedingungen auf der Haut in Wechselwirkung steht.
Welche Mikroorganismen sich dort wohlfühlen, hängt unter anderem davon ab, ob eine Hautstelle trocken oder feucht, fettig oder eher talgarm ist. Deshalb gleicht auch das Mikrobiom unter der Achsel nicht exakt dem auf unserer Stirn oder unseren Händen.
Unsere Haut ist also ein Lebensraum.
Aus dieser Perspektive betrachtet verändert sich das Thema Gesichtspflege grundlegend.
Vielleicht geht es vor allem darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen unsere Haut ihr natürliches Gleichgewicht möglichst gut erhalten kann.
Wann wird Pflege zu viel des Guten?
Das Gesicht zu waschen gehört selbstverständlich zu unserem Alltag. Kosmetik kann angenehm, pflegend und sinnvoll sein.
Doch unsere Haut besitzt eine natürliche Barriere, die wir mit jeder Reinigung beeinflussen.
Tenside (= waschaktive Substanzen in Seifen, Duschgels und vielen Reinigungsprodukten) haben die Aufgabe, Fett und Schmutz zu lösen. Das ist ausgesprochen praktisch, wenn wir Make-up, Sonnenschutz, Schweiß oder Verschmutzungen entfernen möchten.
Nur unterscheiden Tenside nicht unbedingt zwischen „unerwünschtem Fett“ und den Lipiden, die Bestandteil unserer Hautbarriere sind.
Besonders häufiges Waschen, heißes Wasser, aggressive Reinigungsprodukte, intensive Peelings oder viele unterschiedliche Wirkstoffe können empfindliche Haut deshalb beanspruchen.
Und daraus kann ein kurioser Kreislauf entstehen:
- Wir reinigen unsere Haut gründlich. ➡️ Danach spannt sie.
- Deswegen cremen wir sie ein.
- Am nächsten Morgen reinigen wir die Creme und den entstandenen Fettfilm wieder herunter. ➡️ Danach braucht die Haut wieder Feuchtigkeit und Fett.
- Also tragen wir die nächsten Produkte auf.
Das Gegenteil davon könnte einen Versuch wert sein: weniger machen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Hautproblem durch Kosmetik ausgelöst wird oder wir einfach nur alle Produkte wegwerfen müssten.
Akne, Rosazea, Neurodermitis und andere Hauterkrankungen haben komplexe Ursachen und gehören bei stärkeren oder anhaltenden Beschwerden in fachkundige Hände.
Doch für eine grundsätzlich gesunde Haut kann es spannend sein, die eigene Routine einmal ganz unvoreingenommen anzuschauen und zu überarbeiten:
- Brauchst du jedes Produkt wirklich?
- Ist es überhaupt noch frisch?
- Tut es deiner Haut gut?
- Oder benutzt du es hauptsächlich, weil du irgendwann gelernt hast, dass eine „richtige“ Pflegeroutine eben aus fünf oder sieben oder mehr Schritten bestehen müsse?
Minimalistische Gesichtspflege: "So wenig wie möglich, so viel wie nötig"
Minimalistische Hautpflege bedeutet nicht, dass ab morgen gar nichts mehr auf dein Gesicht darf.
Es geht vielmehr darum, deine Routine auf wenige Dinge zu reduzieren, die tatsächlich einen Zweck für dich erfüllen.
Ein guter Ausgangspunkt sind drei einfache Schritte:
1. Reinigen
Reinige deine Haut so sanft und so häufig wie nötig, aber nicht automatisch so intensiv wie möglich.
Am Morgen reicht manchen Menschen beispielsweise lauwarmes Wasser.
Am Abend kann eine Reinigung sinnvoll sein, insbesondere wenn Make-up, Sonnenschutz oder Verschmutzungen entfernt werden sollen.
Wenn du ein Reinigungsprodukt verwendest, kannst du ausprobieren, wie deine Haut mit einer möglichst milden Variante (idealerweise Naturkosmetik) zurechtkommt.
Ein interessantes Signal ist das Gefühl direkt nach dem Waschen: Fühlt sich die Haut angenehm an? Oder spannt sie sofort und verlangt geradezu nach Creme?
2. Feuchtigkeit geben
Wenn deine Haut zusätzliche Feuchtigkeit benötigt, muss daraus kein kompliziertes Schichtsystem aus Toner, Essence, drei Seren und Creme werden.
Oft genügt ein schlichtes Produkt, das deine Haut gut verträgt.
Auch hier darf deine eigene Wahrnehmung wichtiger werden als eine vorgegebene Beauty-Routine: Wenn deine Haut sich bereits gut anfühlt, musst du nicht automatisch etwas auftragen, nur weil morgens „Pflege“ auf dem Programm stehen soll.
3. Bei Bedarf etwas Öl oder Pflege
Vor allem trockene Haut kann zusätzlich Fett benötigen. Dafür kann – je nach Hauttyp und Verträglichkeit – eine schlichte Pflege oder eine kleine Menge eines geeigneten Öls genügen.
Auch hier gilt: Mehr ist nicht automatisch besser.
Vielleicht braucht deine Haut drei Schritte, vielleicht zwei. Und vielleicht gibt es Tage, an denen sie nach dem Waschen überhaupt nichts möchte?
Das Entscheidende an minimalistischer Hautpflege ist deshalb gar nicht in erster Linie die genaue Anzahl deiner Produkte, sondern der Perspektivwechsel.
Statt unsere Haut jeden Morgen und Abend nach einem festen Programm zu bearbeiten, beginnen wir wieder, sie zu beobachten:
- Wie fühlt sie sich heute an?
- Was braucht sie gerade?
- Und was passiert, wenn ich etwas weglasse?
Und wer noch einen Schritt weitergehen möchte, kann ein spannendes Experiment wagen:
Was passiert, wenn du deiner Haut für eine Weile fast gar nichts mehr gibst außer Wasser und Zeit?
Der Haut-Reset: Was passiert, wenn du einfach mal nichts tust?
Das klingt zunächst radikal. Schließlich sind wir daran gewöhnt, dass Hautpflege komplex ist:
Reinigen + Cremen + Pflegen + Peelen + Behandeln.
Bei einem Haut-Reset hingegen reduzierst du bewusst.
Du kannst für eine Zeit lang nur noch lauwarmes Wasser an deine Haut lassen und sehen, wie sie darauf reagiert.
Es geht nicht um für immer, sondern eine gewisse Zeit, z.B. eine Woche lang oder auch mal einen ganzen Monat.
Vielleicht möchtest du zunächst auch erstmal nur Serum, Peeling oder Masken weglassen.
Denn wenn wir jeden Tag mehrere Produkte verwenden, wissen wir irgendwann kaum noch, wie sich unsere Haut eigentlich ohne all das verhalten würde.
- Ist sie tatsächlich so trocken oder fühlt sie sich vor allem nach der Reinigung trocken an?
- Braucht sie morgens wirklich Creme?
- Was geschieht mit meinem Hautgefühl, wenn ich nicht ständig eingreife?
Ein Reset kann eine Möglichkeit für dich sein, das herauszufinden.
Dabei darf deine Haut zunächst durchaus anders reagieren als erwartet. Das bedeutet nicht automatisch, dass du sofort wieder eingreifen müsstest.
Lebendige Systeme reagieren auf Veränderungen. Sie brauchen manchmal Zeit, um ein neues Gleichgewicht zu finden.
Beobachte erst einmal.
Für gesunde Haut kann eine solche Phase des Weglassens eine spannende und wichtige Frage beantworten: Was davon brauche ich eigentlich wirklich?
Nach dem Experiment kannst du Produkte wieder einzeln im Abstand von ein paar Tagen oder auch einer Woche wieder einführen.
So kannst du deinen eigenen Haut-Reset ausprobieren
Du musst deinen Badezimmerschrank nicht von heute auf morgen leer räumen.
Schau dir zunächst an, was du täglich verwendest. Reinigung, Gesichtswasser, Peeling, Serum, Creme, Öl, Masken?
Reduziere stückweise. Lass zuerst alles weg, dessen Nutzen für dich nicht eindeutig ist. Verwende für einige Tage oder Wochen nur die Produkte, die dir wirklich notwendig erscheinen.
Im nächsten Schritt kannst du auch die Reinigung reduzieren. Vielleicht stellst du fest, dass morgens lauwarmes Wasser vollkommen ausreicht. Vielleicht möchtest du ausprobieren, einige Tage nur Wasser an deine Gesichtshaut zu lassen?
Es geht um's Wahrnehmen:
- Wie fühlt sich deine Haut morgens an?
- Spannt sie? Juckt sie? Ist sie gerötet? Oder fühlt sie sich vielleicht überraschend ausgeglichen an?
- Wird sie im Laufe des Tages sehr fettig? Verändert sich das nach einigen Tagen?
- Und vor allem: Vermisst deine Haut ein Produkt – oder vermisst du nur das gewohnte Ritual?
Nach einiger Zeit kannst du Produkte wieder hinzufügen. Aber diesmal bewusst, eins nach dem anderen.
So merkst du viel leichter, was tatsächlich einen Unterschied macht.
Das Ziel ist, bei deiner richtigen Routine anzukommen, mit der du dich wohl fühlst, ohne dass sie unnötig kompliziert ist.
Weniger im Badezimmer bedeutet auch weniger für die Erde
Minimalistische Pflege hat noch einen schönen Nebeneffekt.
Schau einmal in dein Badezimmer und zähle die Verpackungen.
Shampooflasche. Duschgel. Gesichtsreiniger. Conditioner. Bodylotion. Handseife. Gesichtscreme. Peeling. Vielleicht noch Rasiergel und diverse Spezialprodukte.
Jedes davon wurde produziert, abgefüllt, verpackt und transportiert. Viele Produkte bestehen zu einem großen Teil aus Wasser (das wir in unseren Badezimmern ohnehin zur Verfügung haben).
Wenn wir unsere Körperpflege vereinfachen, reduzieren wir deshalb nicht nur die Zahl der Inhaltsstoffe auf unserer Haut. Wir brauchen auch weniger Verpackungen, weniger Platz und weniger Ressourcen.
Spannend sind in diesem Zusammenhang Produkte, die mehrere Aufgaben übernehmen oder erst zuhause mit Wasser angemischt werden.
Bei Soap & Precede gibt es beispielsweise pulverförmige Körperpflegeprodukte zum Selbstanmischen. Wer lieber feste Produkte verwendet, findet bei Duschbrocken feste Lösungen für Haut und Haare.
Solche Produkte können eine Möglichkeit sein, den eigenen Badezimmer-Alltag einfacher und plastikärmer zu gestalten.
Aber auch hier gilt der gleiche Grundsatz wie bei der Gesichtspflege: Wir müssen nicht den gesamten Inhalt unseres Badezimmers wegwerfen und durch vermeintlich nachhaltigere Produkte ersetzen.
Das Nachhaltigste kann sein, weniger zu brauchen.
Vorhandenes aufbrauchen.
Danach überlegen, was wirklich ersetzt werden sollte. Dabei vielleicht feststellen, dass aus fünf verschiedenen Produkten auch zwei werden können.
Fazit: Beginnt gute Hautpflege mit Weglassen?
Minimalistische Hautpflege muss keine neue Philosophie werden, der wir nun möglichst konsequent folgen müssen.
Sei einfach neugierig und stell dir selbst bei deinem nächsten Gang ins Badezimmer die Frage:
- Was davon tut meiner Haut wirklich gut?
- Was davon brauche ich tatsächlich?
Vielleicht tut es deiner Haut zwischendurch mal gut, wenn du gar nichts aufträgst.
Unsere Haut muss nicht steril und makellos sein. Sie darf Poren haben, Falten bekommen, manchmal glänzen und manchmal trocken sein. Sie darf und soll Lebensraum für unzählige kleine Wesen sein, die wir mit bloßem Auge niemals sehen werden.
Unsere Haut ist ein lebendiger Teil von uns.
Eine liebevolle Beziehung zu ihr kann sich durch die Frage verstärken: „Was kann ich weglassen?“